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Bio-Baumwollbauern – vom Staat alleingelassen

Via Greenpeace, von Sigrid Totz

Indische Bio-Baumwolle ist ins Gerede gekommen. Zu Unrecht, denn die weitaus meisten Bio-Bauern arbeiten sauber. Doch unter welchen Bedingungen? Die Wissenschaftlerin Reyes Tirado hält sich derzeit für Greenpeace in Indien auf. Im November hat sie Feldforschungen in Andhra Pradesh unternommen. Im Interview erzählt Tirado von der Situation der indischen Bio-Baumwollbauern.

Greenpeace: Reyes, wie konnte es zu diesem Skandal kommen?

Reyes Tirado: Das Problem ist komplex. Die Kontaminierung kann viele Ursachen haben – zum Beispiel illegale Gen-Saaten oder Mittelsmänner, die Gen-Baumwolle als Öko-Baumwolle verkaufen. Auf dem Markt für Baumwollsaat wimmelt es von illegalen Aktivitäten und falsch deklarierter Ware. Ein großes Problem für die Baumwollbauern in Indien ist aber auch, dass es immer weniger Baumwollsaat zu kaufen gibt, die nicht gentechnisch manipuliert ist.

Greenpeace: Woran liegt das?

Reyes Tirado: Der Markt für Öko-Baumwolle wächst beeindruckend, aber die indischen Saatgutunternehmen entwickeln und vertreiben zu wenig. Öko-Bauern haben es teilweise schwer, Saatgut zu bekommen, das nicht gentechnisch verändert ist. Die indische Regierung müsste dafür sorgen, dass den Bauern die freie Wahl bleibt. Tatsächlich aber lässt sie die Bio-Bauern im Stich und drängt sie in Richtung Gen-Saat. Noch gibt es gute Öko-Baumwolle aus Indien. Aber wenn die Regierung und die Saatgutfirmen nicht schnell Abhilfe schaffen, könnte sich das ändern. Indien würde damit einen großen internationalen Absatzmarkt verlieren.

Greenpeace: Die Saatgutfirmen behaupten, Gen-Baumwolle sei umweltfreundlicher und besser für die Bauern, weil weniger Pestizide benötigt würden und mehr Einkommen erzielt werde. Welche Erfahrungen hast du bei deinen Feldforschungen gemacht?

Reyes Tirado: Alle Gen-Baumwollbauern, mit denen wir bei unserer Feldrecherche in Andhra Pradesh gesprochen haben, erzählten etwas ganz anderes. Sie stecken einen großen Teil ihres Einkommens in die teure Gen-Saat und in die Pestizide, die nach Angaben der Saatgutfirmen notwendig sind. „Wenn du Gen-Baumwolle anbaust, musst du auch eine Menge Pestizide spritzen“, sagte ein Bauer wörtlich zu uns.

Auf dem Acker sind die Wunder der Gen-Baumwolle also nicht festzustellen, die die Saatgutunternehmen so gern beschwören. Gerade in dieser sehr trockenen Saison leiden die Gen-Baumwollbauern immens unter hohen Arbeitskosten und sehr geringen Erträgen.

Greenpeace: Was muss die indische Regierung tun und was können Händler und Kunden von Bio-Baumwolle beitragen, damit dieser Zustand sich ändert?

Reyes Tirado: Die indische Regierung sollte zusammen mit den Saatgutfirmen dafür sorgen, dass mehr gute, nicht gentechnisch manipulierte Baumwollsaat zur Verfügung steht. Meiner Ansicht nach muss die indische Regierung auch grundsätzlich ihre Unterstützung für Gen-Baumwolle überdenken. Sie sollten mal zu den armen Bauern hingehen, die 80 Prozent aller indischen Baumwollfarmer repräsentieren, und mit ihnen sprechen. Dann werden sie sehen, dass Gen-Baumwolle in Wahrheit ein Mühlstein aus schwerer Verschuldung und massivem Pestizidgebrauch ist.

Was die internationalen Konzerne angeht, die die Baumwolle kaufen: Sie sollten sicherstellen, dass sie wirklich Bio-Baumwolle von den tausenden echten Bio-Bauern beziehen. Diese arbeiten mit den vielen lokalen Organisationen zusammen, die sich in Indien für ökologische Landwirtschaft und ländliche Entwicklung engagieren.

Wenn Kunden den indischen Bauern helfen wollen, sollten sie minderwertige Kleidung meiden und stattdessen lieber weniger, dafür aber qualitativ bessere und langlebige Bio-Ware kaufen. Außerdem sollten auch die Kunden einfordern, dass die Kleidung aus Bio-Baumwolle von wirklichen indischen Bio-Bauern hergestellt wurde. Und dass die Bauern einen fairen Preis für ihr Produkt erhalten.

[Quelle: greenpeace.de]

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