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Wer heilt: Methode, Arzt oder Patient sich selbst?

Im Interview: Professor Dr. Claudi Witt

Prof. Dr. Claudia Witt | Copyright: Charité/Carstens-Stiftung

Wer heilt – Methode, Arzt oder der Patient sich selbst? Professor Dr. Claudia Witt erforscht im Rahmen einer Stiftungsprofessur der Carstens-Stiftung an der Berliner Charité alternative Heilmethoden (…wir berichteten) und ist überzeugt: Es kommt auf alle drei Faktoren an – aber in unserem Gesundheitssystem kommen die letzten beiden zu kurz.

Ein Interview von Martin Fütterer
(Erstveröffentlichung in „Schrot&Korn“, Nr. 2/2009)

Sie haben eine Professur für Komplementärmedizin. Was versteht man darunter?

Als Komplementärmedizin bezeichnet man kurz gesagt alles, was nicht Schulmedizin ist, also die nicht naturwissenschaftlichen und oder traditionellen Heilmethoden und Therapien von Akupunktur über Homöopathie bis Irisdiagnose.

Was ist der Unterschied zu Alternativmedizin oder Paramedizin?

Das ist alles das Gleiche. Der Volksmund sagt meist „alternative Medizin“, die Wissenschaft „Komplementärmedizin“ und Kritiker „Paramedizin“. Darin kommen unterschiedliche Wertungen zum Ausdruck. „Alternative“ bezeichnet ein Entweder-Oder, „Komplementär“ eine zusätzliche oder ergänzende Medizin und „Para“ bezeichnet das alles als Scheinmedizin.

Und – ist es nur Schein?

Das zu erforschen ist der Inhalt meiner Professur. Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung hat festgestellt, dass viele Menschen sich abseits der Schulmedizin behandeln lassen und sich dabei wohlfühlen. Meine Aufgabe ist, hier die Spreu vom Weizen zu trennen.

Alternativen Methoden wird nachgesagt, dass sie sich der wissenschaftlichen Methodik entziehen und die Ergebnisse aus standardisierten Studien daher keine Aussagekraft haben.

Wenn ein Arzt oder Heilpraktiker jahrzehntelang eine bestimmte Methode anwendet und seine Patienten damit zufrieden sind, dann ändert sich seine Einstellung nicht durch Studien, die feststellen, dass die Wirkung nicht über den Placeboeffekt hinausgeht.

Nicht nur Praktiker behaupten, klassische Homöopathie lasse sich nicht in Versuchen erfassen, bei denen weder Arzt noch Patient wissen, ob ein echtes Medikament oder ein Scheinmedikament eingesetzt wird.

Selbstverständlich sind entsprechende Untersuchungsdesigns möglich und auch schon mehrfach durchgeführt worden. Die Patienten werden ganz normal untersucht, aber weder Arzt noch Patient wissen, ob das Medikament ein Scheinmedikament (Placebo) ist oder echt. Ein Problem könnte sein, dass der Arzt verunsichert ist, wenn die Wirkung ausbleibt. Dann weiß er nicht, ob es ein Placebo war oder das falsche Mittel, denn das findet man in der Homöopathie ja oft nicht im ersten Versuch.

Zu welchem Schluss kommen die Studien über Homöopathie?

Metastudien, die die Wirksamkeit von homöopathischen Arzneien mit Placebo verglichen haben, zeigen widersprüchliche Ergebnisse. Demzufolge spielt die Wirkung der homöopathischen Medikamente nur eine geringe Rolle. Ich denke, dass insbesondere die individuelle und umfassende Art der Behandlung relevant für den Behandlungserfolg ist.

Ist hier die Grenze für Placebovergleiche, wie sie die Grundlage sind für Arzneimittelzulassungen?

Ja, weil kontrollierte Forschungsbedingungen den Alltag nicht berücksichtigen. Da kommt es dann eben nicht nur auf den Vergleich zum Placebo an. Im Alltag gibt es viele Einflussfaktoren, von denen das untersuchte Medikament nur einer ist.

Welche Faktoren kommen zusammen?

Lebensweise, Überzeugungen und Erwartungen des Patienten, Überzeugungen des Arztes, die Interaktion zwischen Arzt und Patient und dann die Therapie selbst. In standardisierten Studien versucht man alle Faktoren außerhalb der eigentlichen Therapie als Placeboeffekt auszuschließen. Aber Überzeugungen und Interaktion zwischen Arzt und Patienten spielen eben doch eine Rolle und sie haben je nach Therapieform unterschiedliches Gewicht. Wer den homöopathischen Arzt aufsucht, hat eine bestimmte Erwartung an diese Methode, die vielleicht über das hinausgeht, was ein Durchschnittspatient von der Schulmedizin erwartet. Die Interaktion zwischen Arzt und Patient ist intensiver und auch der Arzt hat vielleicht höhere Erwartungen an die Wirksamkeit als im Durchschnitt.

Wie kommt es, dass Patienten von Traditioneller Chinesischer Medizin oder Ayurveda noch Hilfe bekommen können, wenn die Schulmedizin sie aufgegeben hat?

Der eine Faktor dürfte genau der sein, dass, nachdem die ganze kassenfinanzierte Versorgung dem Patienten nicht helfen konnte, er jetzt in seiner Not bereit ist, mit eigenem Geld etwas Fremdartiges und Exotisches zu probieren. Seine Erwartungen und Überzeugungen dürften dann ziemlich hoch sein. Dazu kommt, dass diese Therapieformen nicht nur auf eine Methode alleine setzen, sondern auf ein ganzheitliches Konzept: Ernährung, Bewegung, Entspannung, Berührung zusätzlich zur Therapie mit Nadeln und Medikamenten. Außerdem werden die Patienten angeleitet, ihre Lebensweise zu ändern. Sie sind stark einbezogen und ihre Eigenkompetenz wird gestärkt. Im Prinzip könnten wir das auch in der westlichen Medizin besser machen. Leider wird an Angeboten wie zum Beispiel Physiotherapie und Ernährungsberatung immer mehr gespart.

Wissen Sie denn durch Ihre Forschung, wie Akupunktur wirkt?

Die Studien haben gezeigt, dass sie bei Lendenwirbelsäulenschmerzen besser wirkt als Schulmedizin, und bei Kniegelenksarthrose zusätzlich signifikant besser ist als Scheinakupunktur. Aber warum und wie, bei diesen Fragen stehen wir noch sehr am Anfang.

Wie stark sind Besserungen von Krankheiten psychosomatisch bestimmt?

Das ist je nach Krankheitsbild unterschiedlich. Bei Kopf- und Rückenschmerzen zum Beispiel scheint die Psyche eine größere Rolle zu spielen als etwa bei Arteriosklerose. In unserer Akupunkturstudie haben wir auch Scheinakupunktur eingesetzt und damit bei Kopf- und Rückenschmerzen ähnlich gute Ergebnisse erzielt wie mit echter Akupunktur. Bei der Kniegelenksarthrose wirkte die echte Akupunktur dagegen besser. Wahrscheinlich ist bei den Knieproblemen der psychosomatische Anteil geringer.

Was würden Sie tun, wenn Sie selbst etwa an Krebs oder Multipler Sklerose erkranken würden?

Als Erstes würde ich auf eine gründliche schulmedizinische Diagnostik Wert legen. Dann würde ich die schulmedizinische Therapie mit den komplementären Methoden ergänzen, die mir dann sinnvoll erscheinen. Aber auf jeden Fall würde ich auf meinen Lebensstil achten, insbesondere auf Bewegung, Ernährung und Entspannung.

Dr. Claudia Witt hat die Stiftungsprofessur der Carstens-Stiftung zur Erforschung der Komplemen­tärmedizin (Alternativmedizin) an der Berliner Charité inne. Claudia Witt ist besonders erfahren in der Erforschung von Chinesischer Medizin und Homöopathie. Unter ihrer Leitung wurde die weltweit bislang größte Studie zur Prüfung der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Akupunktur durchgeführt. An dem Modellvorhaben nahmen rund 10 000 Ärzte mit über 300 000 Patienten teil.

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