Die Borreliose ist eine durch Zecken übertragene Infektion, die weltweit Millionen Menschen betrifft. Doch neben der medizinischen Realität und dem, was wir über Erreger, Vektoren und Therapie wissen (oder vielmehr NICHT wissen), existiert seit Jahrzehnten ein anderes Narrativ: die Idee, Lyme-Borreliose sei nicht einfach eine Naturkrankheit, sondern das Produkt von geheimen militärischen Biowaffenprogrammen.
Die etablierte „Lehrbuchversion“ ist bekannt: Zecken übertragen Borrelien, Borreliose ist eine Zoonose, die sich in bestimmten Regionen stark ausbreitet, begünstigt durch Wildbestände, Klima, Freizeitverhalten und bessere Diagnostik. Punkt.
Daneben existiert aber eine zweite Erzählung, die hartnäckig bleibt – nicht nur in Internetforen, sondern auch in Büchern, Artikeln und politischen Debatten: die These einer militärischen Vorgeschichte.
Die Biowaffen These: „Zecken als Trägersystem“
Die Grundidee ist simpel – und gerade deshalb so wirksam: Wenn man im Kalten Krieg ernsthaft darüber nachgedacht hat, Krankheitserreger als Waffe einzusetzen, warum nicht über Tiere, die man kaum kontrollieren kann, die unauffällig sind und ihren „Angriff“ nicht ankündigen?
Genau an diesem Punkt setzt die These an, die unter anderem in dem Buch Lab 257 (Michael C. Carroll) populär gemacht wurde: Auf Plum Island, einem US-Forschungskomplex vor der Küste von New York, habe es militärnahe Forschung gegeben – offiziell zum Schutz vor biologischen Angriffen, inoffiziell aber mit einer Nähe zur Biowaffenforschung. In diesem Umfeld sei es zu Experimenten gekommen, bei denen Krankheitserreger und Vektoren eine Rolle spielten – und irgendwann sei etwas „entkommen“. Ob durch Technikfehler, Schlamperei oder andere Wege.
Die Theorie wird oft mit einem Namen verknüpft: Erich Traub, ein deutscher Veterinärmediziner mit NS-Vergangenheit, der nach dem Krieg in den USA arbeitete. In dieser Erzählung ist er eine Art Bindeglied: erst Forschung in Deutschland, später Transfer in US-Strukturen – Stichwort Operation Paperclip, also die Rekrutierung deutscher Wissenschaftler nach 1945.
Man muss dazu nüchtern sagen: Dass die USA nach dem Krieg deutsche Spezialisten übernommen haben, ist historisch belegt. Dass es in den 50er und 60er Jahren militärische Programme zur biologischen Kriegsführung gab, ebenfalls. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Borreliose „gebaut“ und gezielt freigesetzt wurde.
Aber genau diese These hält sich erstaunlich lange. Im Januar 2026 erschien ein sehr interessanter Bericht im Spectator…
Was der Spectator Bericht behauptet – und warum er die Debatte neu anheizt
Spannend wird es, weil diese Diskussion in den letzten Jahren wieder aufflammt – unter anderem durch einen ausführlichen Beitrag im Spectator („How ticks became bioweapons“). Der Text zeichnet ein Bild, das man nicht einfach als „Spinnerei“ abtun kann, weil er sich auf ein reales Umfeld bezieht: die entomologische Biowaffenforschung im Kalten Krieg.
Der Artikel behauptet im Kern:
- In den USA habe es in den 1950er und frühen 1960er Jahren umfangreiche Programme gegeben, bei denen Insekten und Zecken als Trägersysteme für Krankheitserreger untersucht wurden.
- Willy Burgdorfer – später berühmt als Entdecker der Lyme-Borreliose – sei in diesem Kontext für Studien rekrutiert worden und habe an der praktischen „Machbarkeit“ solcher Konzepte gearbeitet.
- Es habe Versuche gegeben, Zecken künstlich mit verschiedenen Erregern zu infizieren, sie zu füttern, zu vermehren und als „Stealth Waffe“ nutzbar zu machen.
- Der Artikel verweist außerdem auf politische Initiativen in den USA, die eine Aufarbeitung solcher Experimente fordern.
Das ist die zentrale Botschaft: Nicht: „Borreliose ist definitiv eine Biowaffe.“ Sondern: „Es gab militärische Forschung an Zecken als Biowaffenträger – und wenn man das ernst nimmt, muss man zumindest prüfen, was damals geschah.“
Na…
Was daran plausibel ist – und was nicht
Es ist plausibel, dass Zecken und Insekten militärisch interessant waren. Der Gedanke ist ziemlich logisch: Zecken sind billig, schwer zu kontrollieren, schwer nachzuweisen, und sie umgehen Schutzmaßnahmen wie Masken oder Filter. In militärischen Planspielen ist so etwas durchaus attraktiv.
Es ist auch plausibel, dass es in geheimen Programmen Unfälle gab. Die Geschichte der militärischen Forschung (egal ob in den USA, Sowjetunion oder andere), ist nicht gerade ein Museum der Sorgfalt. Ähnliches wird übrigens bei Corona zumindest vermutet. Dass Sars-Cov-2 aus einem Labor stammt, dürfte mittlerweile unstrittig sein. Aber das ist ein anderes Thema.
Bei der Borreliose ist es schwierig, wenn man aus den historischen Rahmenbedingungen eine fertige Kausalkette baut: Plum Island -> Borrelien entkommen -> Vögel/Hirsche/Hurrikans -> Lyme Connecticut -> weltweite Epidemie.
Das klingt zwar logisch, ist aber „wissenschaftlich“ ziemlich dünn. Vor allem, weil Borrelien in Europa seit Langem bekannt sind und hier mehrere Borrelien Arten vorkommen. Außerdem erklärt eine einzelne Freisetzung nicht automatisch die komplexe epidemiologische Entwicklung über Jahrzehnte. Zudem hörte ich bereits in den 90er Jahren Geschichten, dass die Borrelien eine Biowaffe seien, die von Deutschen in Yugoslawien während des II. Weltkriegs zum Einsatz kamen, weil man mit dem Widerstand dort solche Schwierigkeiten hatte… Diese Theorie hat bereits derart viele Fragezeichen, dass ich darauf lieber nicht eingehe.
Warum das Thema trotzdem erwähnenswert bleibt
Es gibt einen Grund, warum solche Theorien nicht verschwinden: Borreliose ist eine Erkrankung, bei der Betroffene oft erleben, dass sie in einem System landen, das erstaunlich schnell die Geduld verliert.
Diagnostik schwierig. Symptome wechselhaft. Ko-Infektionen möglich. Chronische Verläufe umstritten. Therapiefragen politisiert. Und die Patienten sitzen zwischen den Stühlen.
In so einem Klima entsteht fast zwangsläufig der Eindruck: „Da wird etwas nicht erzählt.“ Und dann wirkt jede halbwegs plausible Geschichte wie ein Schlüssel, der endlich ins Schloss passt.
Fazit
Was man ziemlich sicher sagen kann:
- Die Forschung an Zecken und Insekten als potenzielle Biowaffenträger hat historisch stattgefunden.
- Dass daraus eine direkte Herkunftsgeschichte der Lyme-Borreliose folgt, ist nicht belegt.
- Der Spectator Bericht beschreibt ein Umfeld, das die Debatte nachvollziehbar macht – aber er liefert keinen endgültigen Beweis.
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